Aus meinem Soldaten- und Kriegsleben

Soldat

Am 1.April 1912 hatte ich mich in Stuttgart im Geschäftszimmer des Infanterie-Regimentes 125 einzufinden. Ich war so frühzeitig dort, dass ich mindestens zwei Stunden im Flur der 4.Kompagnie warten musste. Ein Glück, ich hatte vorher beim "Vätl" - gegenüber der großen Infanteriekaserne in der Rotebühlstraße - kräftig gevespert. Bald gesellte sich Felix Breuninger aus Schorndorf zu mir. Der kleine Stöpsel mit seinen großen Augen machte ein Gesicht als sei er zu seinem Henker geschickt. Bald stand auch der dritte bei uns, Fritz Geiser aus Vöhringen O.A. Sulz, dem es auch nicht wohl zu sein schien. Der vierte, Albert Aßfalg aus Obermarchtal, passte zu mir. Ich wusste auch schon einiges von der 4.Kompagnie zu berichten. Mein Freund Matthias Bauer aus Dietersweiler hatte 2 Jahre vorher auch dort gedient und hatte mir viel davon erzählt. Sämtliche Lehrer des 1.Bataillons wurden in einer Stube der 1.Kompagnie zusammengelegt und ich erwischte dabei eine Obere "Falle". 

Der äußere Dienst in der Kompagnie hatte für uns durch seine Abwechslung viel Anziehendes. Übungsplätze waren der Cannstatter Wasen, der Degerlocher Exerzier- und Sportplatz, das Gelände um den Weißenhof, das Feuerbacher Tal, das Remsbachtal, die Gegend beim Wirtshaus zum Schatten (wo Fasanenhof und Wirtshaus "Garbe" besonders wichtige "strategische" Punkte waren). Größere Übungen fanden statt in der Gegend von Bern, gegen das Infanterie-Regiment 121 aus Ludwigsburg und im unteren Remstal. Geschlaucht hat mich nur der Marsch und der Durst. Aufgefallen bin ich meines Wissens nur einmal. Wir übten am Wirtshaus zum "Schatten" und zwar hatten wir den vom Gegner besetzten Pfaffenwald anzugreifen. Ich führte damals eine Gruppe und gab dieser das Kommando : "Meine Gruppe befeuert den Gegner von der mittleren roten Flagge nach rechts". Mein Bataillonskommandeur - Major Junker - hörte es. Wie eine Furie donnerte er mich an: "Sie Rindvieh, steckt Ihnen der Feind im Ernstfalle auch rote Flaggen?". Der Sommer kam und es ging nach Münsingen auf den Truppenübungsplatz. Dort war Bataillons- und Regimentsexerzieren, sowie Scharfschießen. Der Dienst war anstrengender. Im Vergleichs-Schießen mit den anderen Kompagnien ging unsere Kompagnie als Sieger hervor. Dazu habe ich sicher nicht viel beigetragen, denn ich war ein schlechter Schütze. Auch bei einem Preis-Singen war der Sieg auf unserer Seite und wir sangen "Die Treue" von Julius Wengert.

Beim kleinen Exerzierdienst
Beim kleinen Exerzierdienst

Dann kommt für mich ein neuer Dienst: der Wachdienst. Er begann mit Gefangenenwache und Nachtwache am hintern Eingang zum Kasino, sowie vor dem Gouvernementsgebäude am alten Postplatz. Später war ich dort oft Wachhabender. Dann wurde ich auch zur Schloßwache zugelassen. Ich hatte an der Hinterseite des Schlosses zu stehen, am sogenannten reservierten Garten. Meine 24 Stunden waren beinahe zu Ende. Schon hörte ich die neue Wache mit Musik aufziehen. Aber so lange konnte ich eben mit "Austreten" doch nicht mehr warten. Also stand ich trotz der vielen Vorübergehenden hinter einen Kastanienbaum und befreite mich von dem Übel. Kaum waren wir wieder eingerückt, verkündigte der Feldwebel: "Die ganze Wache hat heute nachmittag von 2 Uhr ab Strafexerzieren unter persönlicher Aufsicht des Herrn Major." Mir wurde schrecklich übel. Und dagegen half diesmal keine Pille. Die Wache stand schon um 3/4 2 Uhr. Der Major kam. Die Schramme auf seinem Gesicht verriet Sturm. Der lange Leutnant Steiner meldete: "Der Mann soll vortreten!" donnerte er los. Und schon stand ein Mann 3 Schritt vor der Front. Ich war starr vor Erstaunen. Mit Wonne kroch ich 2 Stunden lang durch die Pfützen des Kasernenhofes und stand wieder auf, ganz wie der Herr Major es verlangte. Ein Wohlgefühl ohnegleichen durchzitterte mich, bloß weil der andere der Sündenbock war.

Auf Wache: im Wachlokal in der alten Akademie (ich sitze auf dem 2. Stuhl von rechts)
Wachlokal IR 125

Am 30.November 1912 war mir noch einmal ein gefährlicher Wachposten bestimmt. Das Regiment 119 hatte im 70er Krieg bei Villiers ruhmreich gefochten. Dieser Tag wurde alljährlich festlich begangen. Unser Regiment stand an diesem Tage für die 119er Wache. Ich bekam den Posten am Kasernentor wo die Offiziersmesse stattfand. Ging es da aus und ein! Aktive und Reserveoffiziere, Generäle und Fürstlichkeiten, zu Fuß und im Auto stellten sie sich ein. Meine Hand blutete von lauter Präsentiergriffen. X-mal ließ ich die Wache unter Gewehr treten, ob zu Recht oder zu Unrecht wußte auch der Wachhabende nicht zu beurteilen. Lieber zu viel Ehre erweisen, war für mich die Parole. Ich war nämlich zum Gefreiten vorgeschlagen. Ein kleines Versehen, und meine Beförderung war verscherzt ! - Am 2.Dezember 1912 hatte unser Regiment Champigny-Feier und ich wurde zum Gefreiten ernannt. Mein militärischer Dienst verlief von da an fast durchweg angenehm. Mit meinen Unteroffizieren kam ich in ein ordentliches Verhältniss, denn ich mußte ihnen für ihren Unterricht Nachilfestunden geben. Das Dienstjahr nahte dem Ende. Auf dem Wasen in Cannstatt wurde für uns eine kleine Prüfung angesetzt. Obwohl gute Leistungen gezeitigt wurden, wurde keiner im Batlaillon zum Unteroffizier befördert. Als Unteroffiziersaspirant wurden wir am 31.03.1913 zur Reserve entlassen. Der Bataillonskommandeur - ein selten großer Lehrerfresser - hielt eine "zündende" Ansprache: "Ihr Lehrer seid berufen, Vaterlandsliebe in der deutschen Jugend zu wecken ........." Aber nach meinem Empfinden hat gerade er und mein Hauptmann ebenso - eine Ausnahme war Hauptmann Müller von der 2.Kompagnie - nicht dazu beigetragen, dieses edle Kulturgut an seine Untergebenen zu vermitteln. 

Vor dem Wachlokal
Wachlokal des IR 125

Die Kompagnie zählte 120-130 Mann und wir waren in 8 Korporalschaften eingeteilt. Ich gehörte der 8. an, wo in der Hauptsache die "Mündungsdeckel" (bedeutet: kleine Leute) waren. Wie mein Korporalschaftsführer hieß, weiß ich nicht mehr. Wahrscheinlich ist bzw. war er auch nicht wert, im Gedächtnis behalten zu werden. Er stammte aus Lützenhardt O.A.Horb. Seine Untergebenen bettelte er um alles Mögliche an. Damit verlor der einfache Mann alle Achtung vor ihm. Als Kompagniefeldwebel amtete zuerst der dickwanstige Brüllaffe Lutscher, den wir zum Glück bald mit dem schon genannten feinen Suhr vertauschen durften. Zugführer bzw. Halbzugführer waren der wuselige Vizefeldwebel Ditschkowsky und der vierschrötige "ewige" Sergeant Kercher, der sich einmal einfallen ließ, wir vier Lehrer sollen seiner Frau zu Weihnachten ein Klavier schenken. Offiziere der Kompagnie waren Fähnrich Rompacher, Fähnrich Berger, Leutnant Zorer, Leutnant Schmidt und Oberleutnant Lutz (Monokelschorch geheißen). Dieser letzte war als "Sauhund" in der ganzen Garnison bekannt und gefürchtet. Nur einmal sah ich ihn etwas weich. Wir waren feldgrau eingekleidet, denn es ging 1912 schon hart am Krieg herunter. Da gab er uns "Feld"-Instruktion. Wirklich fein behandelte er dabei das Kapitel über die Kameradschaft im Kriege. Eine Gesinnung trat uns da entgegen, wie wir sie gerade bei diesem Offizier nie vermutet hätten. Einmal war großer Felddienst an der unterem Rems. Lutz führte die Kompagnie. Dem Feind mußte der Brückenschlag über die Rems verwehrt werden. Lutz ließ sich durch ein Scheinmanöver des Feindes täuschen d.h. er kommandierte einen Zug an die unrichtige Stelle. Ich war an diesem Tage Gefechtsordonnanz und hatte dem Zug einen neuen Gefechtsauftrag zu überbringen. Sicherlich rannte ich nicht schlecht. Lutz aber galoppierte mir nach und schrie andauernd: "Willst laufen, du Hund!" Er blieb mir dabei so dicht auf, dass der Schaum von des Pferdes Schnauze mir in den Nacken träufelte. Endlich sprang er von seinem "Heiter" herab. Ich mußte diesen halten, während er selbst Ordonnanz machte. Übrigens, das muß man ihm lassen: eine stattliche Erscheinung, nie ohne Monokel, ein glänzender Führer und ein glänzender Reiter. Für den Kriegsfall wünschten wir uns keinen andern Kompagnieführer als gerade ihn. Später wurde er Kompagniechef im Grenadierregiment 123 in Ulm. Das Gegenstück an soldatischem Können war unser Kompagniechef, Hauptmann Freiherr von Hügel. Seine Frau, seine beiden Kinder und sein Dienstmädchen ertranken im Ebnisee bei Welzheim. Von da an wurde er zum Säufer. Beliebte Ausdrücke waren "du Biest" und " I sperr di 3 Tag ei, du Luder". Was der 4.Kompagnie rühmlich nachgesagt werden kann, ist ein guter Parademarsch. Die Weltgeschichte berichtet aber nie, dass durch einen solchen ein Krieg gewonnen worden sei.

Die Fahnen des I.R. 125
Fahnen des IR 125

Der Krieg

Wie sich Schuld und Verantwortung am Kriege auf die Schultern der Männer auf hohem Posten verteilt, wer will das beurteilen? Wie hoch diese Männer ihre Verantwortung am Krieg selbst einschätzen? Ob das millionenfache Kriegsopfer auf ihrer Seele brennt? Wieviele Ungenannte sind ihre Mitschuldigen? Der Artikel 231 des Friedensvertrages von Versailles gibt auf diese Fragen keine gerechte Antwort. Die Geschichte kennt bis jetzt keinen größeren Hohn auf die Gerechtigkeit. Nie ist der Begriff "Friedensvertrag" gemeiner geschändet worden als in der ersten Hälfte des Jahres 1919 in Versailles. Was mir dieser Begriff bedeutet: Eine Abmachung zweier im Streit liegender Völker, durch die die Grundbedingungen festgelegt werden, nach denen die beiden sich fortan friedlich miteinander vertragen können. - Das deutsche Volk spricht allgemein von "Friedensdiktat". - "Strafdiktat" wäre noch besser, aber sicher nicht das beste. Was ist überhaupt Krieg? Eine giftige, über die ganze Welt verbreitete, sehr leicht reizbare Schlange. So sehr der edlere Teil der Menschheit auch ringt, sie unschädlich zu machen, es ist vergebens. Wer glaubt, dass der Krieg ausrottbar sei, der muß auch das andere glauben, daß alle Menschen Engel werden. - Bismark sagt einmal: "Ein Volk, das nicht ab und zu durch einen Krieg aufgerüttelt wird, geht in Fäulniss über."

Wie es zum Kriege kam? Goethe sagt einmal: "Keiner bescheidet sich gern mit dem Teil, der ihm gebührt, und so habt ihr den Stoff immer und ewig zum Krieg." Die Türken waren auf europäischen Boden ein wesenfremdes Volk. Ihr Verschwinden aus Europa mußte daher natur-notwendigerweise früher oder später einmal erfolgen. Darauf arbeiteten nicht nur die von ihnen unterjochten slavischen Völker, sondern auch fast alle anderen europäischen Völker hin. Das war im 19. und 20. Jahrhundert keine schwierige Aufgabe mehr. Bismark nannte die Türkei nur "den kranken Mann am Bosporus". Was man dem "kranken Mann" abnahm, mußte aber auch verteilt werden. Und gerade das war sehr schwierig und hat zu einer großen Reihe vom Kriegen geführt, so dass der Balkan der Wetterwinkel für Europa wurde. Deutschland und Frankreich sind alte Gegner. Seit sich die deutschen Stämme am 18.1.1871 zum deutschen Volke einigten, erwies sich Deutschland unzweifelhaft als der stärkere Teil. Innerlich gab das auch Frankreich zu: Es baute sich einen sehr starken Festungswall. Sein Heer verlor allmählich den Offensivgeist. Aber diese Ohnmächtigkeit erfüllte die französische Seele mit ungeheurem Haß gegen uns, zumal auch bei uns die Bevölkerungszunahme rascher erfolgte als in Frankreich. Entsprechend dieser Volksvermehrung mußte die deutsche Regierung für Arbeit und Ernährung besorgt sein. Es gelang dies nur durch Schaffung einer kräftigen, leistungsfähigen Industrie. Selbst arm an Industrie-Rohstoffen mußte Deutschland solche im Ausland kaufen. Fremde Schiffe brachten sie. Fremde Schiffe führten die Fertigwaren hinaus in die Welt. Da ging es bei England in die Lehre d.h. es baute sich selbst Schiffe und sicherte sich schnell noch einige Rohstoffländer (Kolonien). Der uns vorher Freund war (England) wurde nun unser Neider. Das ist aber in der politischen Sprache soviel wie Feind. Das politisch sehr kluge Frankreich wußte diese Lage auszunutzen. Es kam den Engländern in jeder Hinsicht entgegen mit artigen Schmeicheleien. Die beiden ehemaligen Feinde näherten sich nun immer mehr. Diese Freundschaftsannäherung (Entente cordiale) erfolgte unter dem engl. König Eduard VII.. Noch fühlten sich aber die beiden zu schwach gegenüber Deutschland. Man mußte sich nach einem weiteren Verbündeten umschauen. In Russland fand man ihn. Russland wollte einen freien Zugang zum Mittelmeer. Aber freiwillig öffnete eben die Türkei diesen Zugang (die Dardanellen) nicht. Russland hätte Gewalt angewendet, wenn .... ja,wenn Deutschland die Türkei nicht gestützt hätte. Und warum unterstützte es die Türkei? Weil .... ja weil es eben - wie fast immer - ein sehr schlechter Politiker bzw. Diplomat war. Hier (d.h.mit dieser Politik) ist unser Kaiser Wilhelm II. persönlich sehr stark belastet. Russland mußte unser Feind werden. Damit waren wir auf 2 Seiten bedroht, denn Russland schloß sich unseren beiden anderen Gegnern sofort an. 

Die Mobilmachung

Ich war in Esslingen am Neckar angestellt. Am 31.7.1914 kam ich um 3 Uhr vom Dienst. Auf dem Markt kaufte ich mir ein paar Rettiche. Zu Hause angekommen, griff ich sofort nach der Zeitung. Immer nur die üblichen Telegramm-Wechsel! Plötzlich stürzt einer der Pensionäre meines Quartiergebers ins Haus mit dem Ruf : "Hausfrau, ´s gibt Krieg, am Rathaus ist 's angeschlagen". Ich kürzte das Vespern ab und lief ans Rathaus. Da prangten grüne Plakate, nach denen der Kaiser den Zustand der drohenden Kriegsgefahr befohlen hat. Wohl stand dabei: das bedeutet nicht den Krieg. Aber ich wußte Bescheid über solche "Trostworte ". Ich räumte mein Zimmer auf, verabschiedete mich von meinen Hausleuten und ging nach Oetlingen. - Am gleichen Abend kam eine Ordonnanz vom Bezirkskommando Esslingen, um mir die Einziehung zu einer Reserve-Übung mitzuteilen. Zum Glück war ich schon abgereist. Ich wäre sonst bis zum Ausmarsch auf Bahnwache gesteckt worden. So aber war es mir doch vergönnt, noch ein paar Tage bei meinen Lieben zu weilen. Am Samstag den 1.8.1914 hätte ich zwar noch von 8-10 Uhr Schule gehabt, aber ich dachte mir: die 2 Schulstunden kannst du dir schenken und blieb in Oetlingen. Beim Nachbar Schott ließ ich mir lange Stiefel anmessen und sagte: Sobald der Mobilmachungsbefehl kommt, fangen sie daran an. Dann lief ich nach Kirchheim u/T um die neuesten Neuigkeiten sobald als möglich zu erfahren. Aber es blieb zunächst noch ruhig. Aber am Abend gegen 6 Uhr kam Schultheiß Landauer mit dem Rad von Kirchheim. Kreidebleich stammelte er: "Mobilmachung". Wenige Minuten später läuteten die Kirchenglocken. Der Tambour der Ortsfeuerwehr gab Signal mit Trommelwirbel, worauf der Ortsbüttel Spiegier den Mobilmachungsbefehl verlas. Endlich atmete man erleichert auf. Vergleiche Schillers Wort aus Don Carlos: Die Todesangst im Herzen, o Herr, ist schlimmer als der Tod. 

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Mobilmachung

Freitag, 21.8.1914: In der Instruktionsstunde erfahren wir die Gliederung des deutschen Heeres, vom missglückten Vorstoß der Franzosen an der Burgundischen Pforte und von der siegreichen Schlacht der 6.Armee bei Saarburg. Beim Fußapell wird Zellgewebeentzündung festgestellt. Deshalb werde ich der Bagage-Mannschaft zugewiesen. Um 5 ½ Uhr nachmittags tritt das Bataillon zu einem Feldgottesdienst an. Die Musik leitet den Choral ein. Da ertönt von Süden her Alarm. Alles eilt ins Quartier und macht sich marschfertig. Sofort rückt das Bataillon in südlicher Richtung ab. Viele Truppen ziehen hier durch - auch mein altes I.R. 125 ist dabei. Manchem lieben Kameraden der 4./125 drücke ich noch die Hand. Endlich setzt sich auch die große Bagage in Bewegung. Es gibt viele Halte. An der Straße kochen wir ½10 Uhr. Heftiger Kanonendonner verrät, dass Teile unseres Korps in Gefechtsberührung mit dem Gegner gekommen sind. Gefechtsauftrag für das XIII.AK: Aus der Bereitstellung (Châtillon-Rochecourt-Udange) heraus greift das AK den Feind an, der das Höhengelände nordöstlich Bleid über Mussy-la-Ville bis Barancy besetzt hält. Dabei geht die 26. I.D. auf Ville-Handlemont vor, die 27. I.D. wirft den Gegner über die Bahn Virton-Musson zurück.

Samstag, 22.8.1914: Im Schneckentempo bewegte sich unsere Bagage vorwärts, von ausgiebigen Halten unterbrochen. Flieger ziehen durch die Luft und wir beobachten die ersten Fesselballone. Rauchsäulen in großer Zahl zeigen uns an, wo gekämpft wird. Gegen Mittag wird der Kanonendonner schwächer. Wir gelangen spät abends nach Châtillon. Neben der Kirche parkt unsere Bagage. Der Feind wurde geworfen. Unser I.Bataillon kämpfte bei Signeulx-Barancy, das II. bei Bleid, das III .unterstützte I.R.127. In der folgenden Nacht nächtigte das Regiment bei St.Remy. Das 1.Bataillon hatte innerhalb des Regiments die schwersten Verluste bringen müssen, darunter mein Kompagniechef Freiherr v. Crailsheim, mein Zugführer Offiziers-Stellvertreter bzw. Leutnant Kocher und mein Freund und Kollege Jakob Nieß.

Sonntag, 23.8.1914: Erst um 1/2 1 Uhr geht es vorwärts. Wir kommen über das Schlachtfeld des 1.Bataillons. Der erste Tote, den ich finde, ist ein franz. Major, der in einem Kleeacker liegt. Am Bahndamm scheint der Kampf besonders heiß gewesen zu sein. Die vielen Toten zeugen davon. Nach einer Umführung geht es bergan. Rechts der Straße steht ein Kaufladen. Dort besorgen wir uns Bonbons, was sehr leicht ist, weil kein Kaufmann zugegen ist. Auf halber Höhe sehen wir links der Straße eine zusammengeschossene franz. Batterie. Rechts der Straße liegen franz. Munitionswagen. Gefechtslärm wird heute weniger gehört wie gestern. Franz. Gefangene, (3 0ffiz.,120 Mann) werden vorbeigeführt. Wir nächtigen bei St. Pancré.

Montag, 24.8.1914: 3 Uhr vormittags Abmarsch, um 10 Uhr stoßen wir zur Kompagnie. Nun kann ich nach meiner Fußkrankheit auch wieder mitmachen. Unser 3.Zug hat Wache in Villancy, wo der Brigadestab untergebracht ist. Generalmajor Langer sitzt vor einem einfachen Haus. Wir beobachten ihn ununterbrochen. Er ist die Ruhe selbst. Kurz nach 2 Uhr gibt er den Befehl zum weiteren Vormarsch. Zunächst geht es durch Wald und Feld, das tags zuvor Kampfgelände war. Hier wurde auch unser lieber Bataillonskommandeur von Alberti verwundet. Auf Höhe 355 geht es über verschiedene Gräben voll toter Franzosen. Heute regt sich kein Feind. Doch ehe wir hinabsteigen ins Tal der la Chière wird das Tempo langsamer, vorsichtiger, denn Gewehrschüsse von Patrouillen besagen, dass die Luft nicht rein sei. Schließlich geht es aber doch ohne Zwischenfall hinab nach Villette. Wir stehen am Chière-Fluß. Die Ortschaft selbst wird gemieden und dafür etwas oberhalb im Tal biwakiert. Zahlreiche Patrouillen suchen in der Nacht das Gelände jenseits des Flusses aufzuklären.

Fesselballon der 27. I.D im Einsatz vor Lenuc
Fesselballon 27. ID or Lenuc

Dienstag, 25.8.1914: Meine Feuertaufe. Oberhalb Vilette bei einer Mühle ist eine unversehrte Brücke, über dieselbe gelangen der Hauptteil der 27. I.D. in den frühesten Morgenstunden über den Fluß. Unser Batl. folgte 1/2 7 Uhr vormittags. Durch einen Hohlweg gings bergauf. Auf der Höhe angelangt, lag vor uns ein weiter Grund. Der jenseitige Rand desselben war vom Gegner in geschickt angelegten Gräben besetzt. Deshalb bildeten wir sofort nach Verlassen des Hohlwegs Schützenlinien, obwohl für einen Infanteriekampf die Entfernung zu groß war. Vor uns bewegten sich, soweit man sah, unsere Schützenlinien über den Grund. Die beiderseitigen Batterien standen bereits in heftigen Kampf. Rechts auf halber Höhe war die Abteilung Winterfeld des Feld-Artl.-Rgts 49 in völlig ungedeckter Feuerstellung. Das gegnerische Feuer lag bald sicher auf dieser Stellung. Ein Munitionswagen flog in die Luft. Ein Mann neben mir lachte ob dieses Anblicks! Nicht umsonst hatte die Abteilung diese Stellung gesucht. Sie konnte den Feind mit direktem Schuß fassen und konnte alle ihre Granateinschläge direkt (fast ohne Glas) genau beobachten. Deshalb hat sie wesentlich zur Überwindung des Othain-Abschnittes beigetragen. Links auf der Höhe befand sich der Divisions-Stab. Auch er war lange das Ziel der feindlichen Artellerie. Ruhig wie im Manöver arbeitete er weiter. Wir gingen unbekümmert um das feindliche Granat- und Schrapnellfeuer rasch vorwärts. Da die feindl. Artl. verdeckt aufgestellt war, litt sie sehr unter schlechter Beobachtung und überschoß uns meist. 300 m vor Petit-Failly wurde Stellung befohlen. Ich kam gerade hinter einem Getreidemäher zu liegen. Das Feuergefecht wurde aber von der Infanterie immer noch nicht aufgenommen. Endlich befahl der neben mir liegende Ltn. von Crailsheim: "Zum Sturm auf das Dorf, auf- marsch, marsch!" Der Gegner räumte das inzwischen in Brand geschossene Dorf ohne ernstlichen Kampf. Schwieriger war nachher das Überschreiten des Baches. Trotzdem wurde von meiner Gruppe nur 1 Mann durch Armschuß schwer verwundet. Nach Überschreiten des Baches benützten wir einen Feldrain zum Sammeln und zur letzten Ruhepause. Ltn. Crailsheim ging nochmals zurück um einige Zaghafte aus dem Dorf vorzutreiben. Dabei erhielt er einen Beinschuß. Ich vermißte ihn schmerzlich, denn seine Nähe tat mir stets wohl.

Wir lagen nun 700 m vom Feind ab, der nach unserer Beobachtung schwer unter unserem Art.-Feuer litt. Dann setzten auch wir zum Sturm an. Gewaltig zischte es uns um die Ohren. Kommandorufe, Aufschreie Verwundeter und Fallender vermischte sich mit dem Gefechtslärm. Unsere Artillerie war zu höchster Feuersteigerung übergegangen. Auch wir nahmen Stellung und schossen bis es uns vor den Augen flimmette vom heißen Gewehrlauf! Rechts von uns ratterten 2 Maschinengewehre. Plötzlich rief ein Unteroffizier (er beobachtete während des Feuerkampfes mit den Glas): "Einzelne Franzosen kriechen zurück". Sofort kam von allen Seiten der Ruf: "Sprung- auf, marsch, marsch!" Als ob die Franzmänner auf dasselbe Kommando gehorchen müßten, stürzten sie los aber - nach rückwärts. Nach kurzer Verfolgung ertönte das Signal zum Sammeln. Auf dem Sammelplatz lag der Regimentskommandeur Oberst von Körbling kaum 10 Schritte neben mir. Das beruhigte. Aber sein Vesper stand zu dem meinigen in krassem Gegensatz. Bald darauf brachte ein Rittmeister der Ul.19 eine Meldung. Der Regimentskommandeur sagte: "Melden Sie Exzellenz: ohne Artillerie gehe ich nicht weiter vor." Ich staunte, dass ein Oberst dem Divisioner eine solche Antwort geben durfte. 

Unweit links von unserer Kompagnie steht eine Batterie, die ohne Unterbrechung auch nach Einbruch der Dunkelheit noch feuert. Um 11 Uhr in der Nacht werde ich mit einer Gruppe als Patrouille gegen Mont vorgeschickt, das von unserer Artillerie in Brand geschossen war. Entlang eines Bächleins erreichen wir den Ortsrand. Da wir keinen feindlichen Sicherungsposten entdecken gehen wir ins Dorf selbst hinein. Schreiend und gestikulierend rennen die Einwohner blödsinnig umher. Die einen fliehen wild bei unserem Erscheinen, andere glotzen uns z.T. starr vor Schrecke an; sie wundern sich wohl, dass sie von uns nicht gleich weggeknallt werden. Zunächst haben wir den Eindruck das Dorf sei frei vom Feind. Ein paar Leute gehen darum in ein Haus um nach etwas Eßbarem Umschau zu halten. Sie kommen mit 2 riesigen irdenen Gefäßen voll saurer Milch zurück. Ich gehe inzwischen mit Meidele und zwei anderen weiter vor. Wir gelangen in die Hauptstraße. An einem Brunnen tränken feindliche Reiter ihre Pferde. Ein Geschütz jagt im Galopp daher. Im selben Augenblick setzt unser Artl.-Feuer wieder ein. Das vordere Gespann der Batterie ist verschwunden. Auch wir hielten es für ratsam, nun zu verschwinden. Ziegel prasseln von den Dächern. Getroffen wurde keiner. Aber froh war jeder als wir den Ortsausgang wieder erreicht hatten. Das schon erwähnte Bächlein wies uns den Weg zur Kompagnie zurück. Ganz erschöpft sinke ich auf ein Büschel Stroh.;

Schwerer Mörser in Feuerstellung
schwerer Mörser

Sonntag, 6.9.1914. Um 6 Uhr war Tagwacht. Es hatte ein wenig Nebel. und ich wusch mich im Dorfbach. Die große Bagage war da. Das hielt ich für ein Zeichen, dass die augenblickliche Lage nicht gefährlich sein konnte. Und doch traten wir um 9 Uhr den Vormarsch in Schützenlinien an. Das deutete auf ein baldiges Gefecht hin. Ehe wir es uns versahen, hatte sich ein solches entwickelt. Wir gelangten auf eine kahle Höhe. Da zischte es uns um die Ohren. Wir nahmen Stellung, entdeckten aber vom Gegner nichts. Vor uns lagen in etwa 700 m Entfernung zwei kleine Waldstücke. Dort mußte er sein. Unteroffizier Werner rief mir zu: "Rinker, komm, wir machen einen Sprung!" und ich gab meiner Gruppe den Befehl dazu. Unsere beiden Gruppen führten den Sprung aus. Sofort zogen wir das feindliche Feuer in verstärktem Maße auf uns. Werner fiel noch während des Sprungs durch einen Kopfschuss. Aber die feindliche Stellung wurde nun erkannt und unter gut gezieltes Feuer genommen. Einzelne Franzosen liefen rückwärts davon. Beim nächsten Sprung merkte ich, dass ich die Hälfte meiner Leute verloren hatte. Aber unentwegt gings vorwärts. Bald lagen wir in einem Rübenacker zwischen zwei Waldstücken. Der Kompagnieführer Ltn. Kißling lag neben mir. Wir bekommen Flankenfeuer von rechts, da unsere rechte Anschlusstruppe nicht mit gleicher Raschheit gefolgt war. Ein weiteres Vorgehen war deshalb für uns ausgeschlossen. Ich befahl deshalb meiner Gruppe im Kriechen eine Halbrechtsschwenkung auszuführen. Ltn. Kißling befahl dasselbe für den linken Flügel der Kompagnie. Dann wurde gefeuert was das Zeug hielt und das feindliche Feuer wurde bald schwächer. Vom linken Flügel kam der Ruf: "Gegner geht zurück". Wie eine Erlösung waren diese Worte. Ltn. Kißling richtete sich auf und bekam einen Kopf-Streifschuss. Zuerst meinte ich er sei tot. Als er dann stöhnte, sich aufrichtete, wieder zurückfiel, führte ich ihn auf den Verbandplatz, machte aber gerade vorher noch 3 Gefangene, die mit erhobenen Händen auf mich zuliefen. Auf dem Verbandsplatz ließ ich gleich auch meinen rechten Fuß verbinden. Die Ferse war ganz blutunterlaufen. Durch den Verband kam ich nicht mehr in meine Stiefel hinein, sodass ich zunächst die Bagage der Kompagnie aufsuchte.

Zwei Monate Krieg sind vorüber, niemand glaubte vorher, dass er bei solchen Waffen länger als 6 Wochen dauern könne. Der September zeigte uns ein bedenkliches Gesicht. Die Marneschlacht wurde von uns verloren, eine rasche Entscheidung gegen Frankreich ausgeschlossen. Österreichs Armeen waren (durch die Schlacht bei Lemberg) zurückgeworfen. Nur im deutschen Osten war die Lage für uns günstig. Dort schlug Hindenburg die 2. russ.Armee unter Samsonowin der von der ganzen Welt mit Bewunderung aufgenommenen Schlacht bei Tannenberg. Die 1.russ. Armee unter Rennenkampf war durch die Schlacht an den Masurischen Seen in die Flucht gejagt. Eine Hoffnung blieb uns: an der Front hieß es: Italien hat an Frankreich den Krieg erklärt, Amerika hat England ein Ultimatum gestellt.

In den Argonnen (Okt. 1914 - Dez. 1915)

Das Gelände: von Passavent (südwestlich Verduns) bis tief nach Belgien hinein erstreckt sich ein ausgedehntes Waldgebiet. Im Norden führt es den Namen Ardennen. Der südliche Teil (zwischen Passavent und Grand- Pré) heißt Argonnen. Wie eine Insel sind sie im Westen von der Aisne und im Osten von der Aire umflossen. Kampffeld waren die Argonnen in früheren Jahrhunderten entsprechend der damaligen Fechtweise nie. Dass die Römer einst eine Straße durch dieses mächtigste Waldgebiet führten, zeugt nur von ihrem unbeugsamen Unternehmungsgeist. Der bekannteste Teil derselben, die sagenhafte "Haute chevanchée Romaine" ist zum Teil heute noch leicht erkennbar. Die Einbildungskraft des abergläubigen Volkes bevölkerte den undurchdringlichen Wald mit phantastischen Wesen, neben denen "der wilde Jäger" unserer Vorfahren klein erscheint . Der Jäger der Verfehlten und Flüchtigen mag wohl das erste Lebewesen dort gewesen sein. Die Argonnen waren deshalb auch für eine rasche Kulturentwicklung ein denkbar ungünstiger Boden. Die Argonnen sind ein Mischwald, in dem das Laubholz vorherrscht. Der zähe Lehmboden ist durch zahlreiche Mulden, Klingen und Schluchten in viele Unebenheiten zerrissen. Die spärlichen Wege sind schlecht. Außerhalb derselben ist ein Durchkommen unmöglich. Das üppig wuchernde Gestrüpp des vernachlässigten Waldes verhindert es. In den Tälern ist es in der Regel recht sumpfig. Diesem Geländecharakter entsprechend findet sich im Wald keine Siedlung; nur hie und da unterbricht das Klappern einer idyllisch gelegenen Mühle den Märchenschlaf des Waldes. Dem Wanderer muß diese Romantik allerdings herrlich anmuten. Er wird nicht versäumen von den zahlreichen Stechpalmen mit ihren keuschen Blättern ein Zweiglein zu brechen und an seinen Hut zu stecken. Dem Krieger ist es nicht vergönnt, diese Naturschönheit ganz zu genießen. Für ihn ist der Wald voller Heimtücken. Der zähe nasse Lehmboden erschwerte ihm den Stellungsbau und ließ ihn oft als wandelnden Lehmklumpen erscheinen. Abgesehen von der grauenhaften Kampfesweise hat das "ewige" Waldesdüster auf sein Gemüt gedrückt.

Ruhelager in der "Nervenklinge":(li nach re) Ltn. Diebold, ich, Vizefeldwebel Haux
Ruhelager

Vom Gegner sah man des dichten Unterholz wegens nichts. Aber man hörte ihn arbeiten - Gebüsch abhacken, Pfähle einschlagen - und schätzte die Entfernung auf 100 Meter. Peinlich war es, wenn "gewisse Bedürfnisse" zu befriedigen waren. Man mußte damit abwarten bis Einbruch der Dämmerung, dann knöpfte man die Hose auf, kletterte über die hintere Grabenwand, kroch hinter einen Busch und machte sich leichter. Für manchen war es der letzte Gang! Wer bis zum Abend nicht warten konnte, "legte sein Ei" auf einen Spaten und schleuderte es hinaus, manchmal feindwärts. Dabei begleitete man die "Liebesgabe für den Franzmann" mit allerlei frommen Wünschen (die aber hier nicht festgehalten werden sollen). Nach Einbruch der Dunkelheit mußten von jeder Gruppe 2 Mann zum Essenfassen. Es war für viele auch der Todesgang, denn gerade zur Zeit der Morgen- und Abenddämmerung feuerte die feindliche Infanterie am lebhaftesten. Der Selbsterhaltungstrieb und viel bittere Erfahrungen waren die Lehrmeister für den späteren Stellungsbau. In die hintere Grabenwand wurden Sitze eingegraben, teilweise auch Gruben für mehrere Mann. Diese durften dauernd mit einer Zeltbahn überspannt bleiben. Am 9. des Monats entstand die erste Latrine. Eine Stange diente als Sitzbrett. Die Latrine erfreute sich sofort regen Zulaufs. Nachdem der erste Offizier sie benützt hatte, brachte ein Witzbold einen Zettel an mit der Inschrift: "Jeder Standesunterschied verschwindet, wenn die Stange uns verbindet". Vom 10. des Monats ab wurde am rechten Flügel der Kompagnie ein Laufgraben angelegt. Damit waren 2 Fortschritte im Stellungsbau erzielt, deren ungeheuren Wert nur der Frontsoldat erkennt. Die Gefechtstätigkeit war gering. Unsere Infanterie gab vereinzeltes, tief liegendes Schützenfeuer ab, um das Anschleichen feindlicher Patrouillen zu verhindern. Die Franzosen benutzten zum gleichen Zweck Salvenfeuer. Der laute Befehl des französischen Korporals war deutlich vernehmbar. Am 2.Okt. abends 6.30 machten wir einen Scheinangriff d.h. wir schossen 1 Minute lang was der Lauf hergeben konnte. Die Franzosen erwiderten sofort. Es entstand ein Höllenlärm. Wir bekamen dabei den Eindruck, daß der feindliche Graben sehr stark bestzt sei. Das feindliche Feuer lag aber so hoch, dass wir annehmen durften: Die Franzosen wagen nicht, ihre Köpfe über den Grabenrand heraufzustecken. Dementsprechend traten bei uns auch keine Verluste ein. Anderseits wurde auch klar, dass die Infanterie mit ihren Mitteln dem Gegner nicht wirksam beikommen konnte. Die Artillerie aber war in diesem Waldgelände erst recht unbrauchbar. Da probierten es unsere Pioniere vom 14.Okt. ab mit Bombenwurf (Minen). Da beobachteten wir einmal, wie im feindlichen Graben Pfosten und ein Federbett in der Luft herumflogen. Die Franzosen waren demnach in ihren Graben wohnlicher eingerichtet als wir. (Jedenfalls haben sie auch den Begriff "Stellungskrieg" von Anfang an d.h. vor uns klarer verstanden). Einige Pioniere wurden bei diesen ersten Versuchen verwundet oder getötet, weil die Bombe zu früh platzte.

Wir vermuteten nun die 6.Armee (Führer Kronprinz Rupprecht von Bayern) werde durch einige Divisionen verstärkt, um durch eine südliche Umgehung Verdun zu Fall zu bringen. Bis dahin hätten wir zu verhindern, dass der Feind nach Norden durchbreche. - Aber der Fall von Verdun erfolgte nicht, und auch der rechte deutsche Heeresflügel konnte den entscheidenden Schlag nicht führen. Nun wußten wir, dass die Argonnen für längere Zeit unser Kampfplatz wurden. Da gab es denn auch für uns lange Zeit keine Ruhe mehr, denn ein neuer Feind hatte sich eingestellt: Die Kälte. Die Heimat schickte wollene Unterkleidung, die Kompagnie gab jedem Mann eine Wolldecke aus. Das genügte nicht. Die Unterkunft mußte verbessert werden. Hatte der Mann seine 2 Stunden Posten gestanden, so mußte er sofort am Unterstandsbau mithelfen oder Schießscharten einbauen, Grabenwände faschieren, die Grabensohle knüppeln, sappieren, bei Nacht Drahtverhaue ziehen- und drgl. mehr. Dann kam man aber auch wieder in" "Ruhe". Kaum dass man sich einigermaßen den Grabenschmutz abgerieben hatte, so hieß es schon: Antreten zum Arbeitsdienst! Die Leute wurden auf die verschiedensten Arbeitsplätze verteilt; Straßen ausbessern, Fahrwege durch den Wald anlegen, Hütten bauen, Faschinen flechten, eine Reservestellung anlegen, Annäherungsgräben machen, Material in die Stellung vorschaffen (meist bei Nacht), eine Förderbahn bauen usw. Mancher war froh, wenn die "Ruhe" vorbei war und er wieder in die Stellung durfte. Hier hat sich aber das Bild auch verändert: Das Laub fiel von den Bäumen, der Eisen- und Bleihagel hatte den Bestand gelichtet, so dass die feindliche Stellung immer deutlicher sichtbar wurde. Das reizte natürlich die hüben wie drüben zu vermehrten "Zielübungen". Dabei zeigte sich bald, dass das Gewehr beim Grabenkrieg nicht mehr die einzige Waffe des Infanteristen sein konnte. Die Handgranate kam auf. Wie ein eingewickeltes Stück Seife aus dem eine kurze Schnur heraushing, sah sie aus. Die Zündschnur wurde gewöhnlich an der brennenden Zigarre entzündet. Dann wurde die Handgranate weggeworfen. Wo natürlich die Entfernung der beiden Stellungen zu groß war, platzte sie wirkungslos im Zwischengelände. Deshalb probierte man es auf andere Art: eine Patrouille schlich sich bei Dunkelheit oder Nebel bis auf Wurfweite an den feindlichen Graben heran und warf erst dann. Der Franzose war wohl im ersten Augenblick verdutzt; aber in vielen Fällen war er so schnell gefaßt, dass die Patrouille den eigenen Graben nicht mehr erreichte. So lagen Tote und Verwundete vor der Stellung, die man wegen des wachsamen Feindes oft tage-, ja manche wochenlang nicht bergen konnte. Ein übler Leichengeruch wurde oft vom Wind hergetragen. Mit der Zeit glich der Waldkampf immer mehr der Belagerung einer Festung. Es wurden Sappen vorgetrieben bis auf sogenannte Sturmentfernung. Dann wurden die Sappenköpfe miteinander verbunden zur Sturmstellung. Aus dieser brachen eines schönen Tages Sturmabteilungen los, um in den feindlichen Graben einzudringen, die Besatzung niederzukämpfen und den Graben zu besetzen. 

Beobachter vor dem Martins-Werk im Argonnenwald
Martinswerk

Wir waren dankbar, dass durch die neu eingerichteten Lager die Marschleistungen verringert wurden. Aber nun kamen wir gar nicht mehr aus dem Wald heraus. Unser Auge erschaute nur noch Soldaten und Walddüster. Das drückt auf das Gemüt. Außerdem stellte sich ein neuer Feind ein: Die Laus. Sie trat in 3 Arten auf: Pediculus capitus, vestimenti und Phthirius pubis. Wer erstmals eine an sich entdeckte, schämte sich. Das hat man aber schließlich bald bleiben lassen, denn in kurzer Zeit hätte sich das ganze Heer schämen müssen. Die letztgenannte Art, die Filzlaus ist gefährlich, weil sie gerne den Typhus überträgt. Darum ging nun im deutschen Heer ein eifriges Impfen gegen Typhus und Cholera los. Es wurde halbjährig wiederholt. Aber die Läuse waren dadurch nicht zu vertreiben. So oft man einen Augenblick Zeit hatte, suchte man einen stillen Winkel auf, entledigte sich der Kleider und fing an zu lausen. Die Vertilgung war aber der Vermehrung nicht gewachsen. So entstanden Entlausungsanstalten, Lausoleum genannt. Die unsrige war in Lançon. Es war eigentlich nichts anderes als ein großer Dampfkessel. Der Mann band seine Wäsche und Kleider zu einem Bündel zusammen. Dieses schob man einige Zeit in den Kessel und fertig war's. Man hatte Ruhe für ein paar Stunden. Wenn wir "Urwaldmenschen" zum Entlausen anrückten, wurden wir oft belacht von Leuten, die ein Kommando hinter der Front - in der Etappe - hatten. Auch sonst bildete sich allmählich eine Kluft heraus zwischen dem Frontsoldaten und der Besatzungstruppe in der Etappe. Das gab einem dichterisch Veranlagten den Stoff zu folgendem Gedicht:

Das Etappenschwein.

Wer läuft so geschleckt und gebügelt einher? Wem fällt das Grüßen entsetzlich schwer?
Wer bezieht unzähliges Kommandogeld? Wer ist in Gesprächen und Briefen ein Held?
Wer stielt uns die besten Weine? Die Etappenschweine!
Wer hat weder Mut noch Gritze im Kopf? und trägt doch das schwarz-weiße Band im Knopf? (bedeutet das Eisernes Kreuz)
Wer trippelt - den deutschen Frauen zur Schmach- den geputzten, verseuchten Französinnen nach?
Wer schläft nur selten alleine? Die Etappenschweine!
Wer packt beim geringsten Schießen den Koffer? und zittert vor einem Durchbruch von Joffre? (franz.Oberkommandierender)
Wer schmiedet die schlimmsten Latrinengerüchte? und macht unsre freudige Stimmung zunichte?
mit Schwarzseherei und Gegreine? Die Etappenschweine!
Und doch ihr Wänste und Milchgesichter, ihr aufgeblasenes, schlappes Gelichter
wir möchten für euer erbärmliches Leben, nicht eine der stolzen Erinnerungen geben!
Uns bindet Liebe und Treue!! Ihr seid die Etappensäue!
Ein Frontschwein.

Aber auch die Herren Offiziere der höheren Stäbe brachten den Fronttruppen nicht immer die nötige Achtung entgegen. Auch von ihnen, die in Häusern gut untergebracht sind, in Betten schlafen können, Wäsche und Kleidung nach Belieben wechseln können und Zeit haben zur Reinigung, wurden wir manchmal belacht. Ein Mann machte sich Luft mit den Gedicht:

Das Lausoleum.

Droben steht am Scherenfernrohr still und froh ein Herr vom Stab.
Drunten rennt zum Lausoleum eine Kompagnie im Trab.
Weithin winkt der Kleiderofen, und zum Himmel stinkt sein Rauch.
Der vom Stabe lächelt spöttich... Aber plötzlich juckt's ihn auch!
Drunten trägt man sie zu Grabe, die des Kriegers Sorg und Qual.
Du vom Stabe, -feiner Knabe! Dich - entlaust man auch einmal!

Lagerbereich im Moreau-Tal der Argonnen: Zum Vergößern anklicken
Moreau-Tal

[...] Die Stellung des Regm. lag am rechten Flügel südlich der Moreau-Mulde, zog sich dann aber im weiteren Verlauf am Nordhang dieser Mulde hin. Vor dem linken Flügel hatte der Gegner 3 Gräben übereinander (am Hang!), die durch starke Astverhaue geschützt waren. Hier war also ein Angriff ausgeschlossen. Also mußte die rechte Flügelkompagnie d.h. unsere 4. (und wir waren ja nur 5 m vom Gegner entfernt) in die feindliche Stellung einbrechen und den Gegner nach links hin aufrollen. Zu diesem Zweck bohrten die uns zugeteilten Pioniere 29 den Feindgraben an 9 Stellen an. Solange dies geschah, bildete sich mit den Franzosen eine Schützengrabenfreundschaft heraus.- Sie ging so weit, dass wir Zeuge sein durften wie ein Franzose und einer unserer Leute zwischen beiden Stellungen ein Kochgeschirr voll Suppe miteinander auslöffelten. Am 1.Dezember wurden die 9 Bohrlöcher mit Sprengladungen versehen. Gegen 11 Uhr riefen wir zu den Franzosen hinüber: un offizier! Sie machten das öfters ebenso. Es bedeudete: Ein Offizier ist vorn, wir dürfen uns eine Zeitlang nicht mehr zeigen. Zwischen 1/4 und 1/2 12 Uhr erfolgte die Sprengung. Es war furchtbar. Der Boden wankte; ich wurde beinahe besinnungslos. Eine 50 cm dicke Eiche sah ich kirchturmhoch samt den Wurzelwerk in die Luft fliegen. Dann erfolgte ein Brausen als wäre die Hölle los. Dumpf schlugen die herabstürzenden Erdmassen auf dem Boden auf. Dann stürzten wir vor mit den Bajonett. Kein Gegner trat uns gegenüber. Das kostete einem unserer Leute (Reservist Glasbrenner aus Kirchheim u.T.) das Leben. Er hatte eine Handgranate entzündet. Weil er keinen Franzosen sah, wartete er mit dem Wurf zu lange. Sie krepierte in seiner Hand und zerriß ihn. An ihm vorbei ging ich mit den übrigen Leuten meiner Gruppe den Graben links hin weiter. Wir sahen, wie zahlreiche Franzosen ohne Gewehr aus den Graben stiegen und unserer 1.Kompagnie unter Leutnant Wagner in die Hände liefen. Da setzte rechts von uns plötzlich rasendes Infanterie- und Maschinengewehrfeuer ein. Wir stutzten. Rechts und links von uns sahen wir Franzosen. Wir hielten sie für Überläufer. Doch es waren französische Reserven, die zum Gegenstoß ansetzten. Zum Glück traf gleichzeitig auch die 3.Kompagnie unter Leutnant Josenhans ein, sodaß unsere Lage annehmbarer wurde. Der Graben wurde mit Sandsäcken abgedämmt. Ungeheuere Anstrengungen machte der Gegner zur Wiedergewinnung seiner Stellung. Umsonst. Durst quälte uns. Die Gewehrläufe waren heiß. Immer wieder erscholl der Ruf: Munition vor! Schießen ohne Unterlaß ohne langes Zielen! Sandsäcke vor! Ein Pionier mit Handgranaten soll kommen. Schutzschilde vor! Ein Glück in dieser tobenden Hölle war nur das, daß die feindliche Artillerie zu weit schoß. Nach einer qualvollen "Ewigkeit" kam endlich die gefürchtete Nacht. Zunächst erlahmte Freund wie Feind. Dann aber brach urplötzlich beim Nachbarregiment eine tolle Knallerei los, die auch zu uns herübergriff. Es regnete. Der lehmige Boden hängte sich an Kleider und Hände. Ladehemmungen entstanden. Man hätte können wahnsinnig werden. Der anbrechende Tag brachte endlich die Erlösung. Auf beiden Seiten wurde der Kampf aus Erschöpfung eingestellt. Dass wir mit den Franzleuten anbiederten um sie nachher um so ärger herreinlegen zu können, hat mir nie gefallen, obwohl der Gegner nicht ritterlich war, sondern nur zu spät kam. In Zeitungen fand ich darüber folgende Berichte:

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Zeitungsartikel

[...] Weihnachten, das erste Kriegsweihnachten rückte heran. Unser Batl. war in der Stellung. Aus der Heimat kam für jeden Krieger ein Weihnachtspaket. Das meinige war von Frl.Marie Hahn aus Dußlingen bei Tübingen. Am heiligen Abend wurden die Pakete ausgegeben. Ich faßte gleich für meine ganze Gruppe. Den ganzen Arm hatte ich voll. Da ging eine tolle Knallerei los. Ich rannte in den Unterstand, warf die Pakete hin, nahm die Knarre zur Hand, rannte an die Brustwehr und jagte hinaus was möglich war. Wir glaubten an einen feindlichen Angriff. Es scheint aber: es war nur eine Fopperei von den Franzosen, die Weihnachten nicht so gemütvoll feiern wie die Deutschen. Bald lag die Front wieder in Ruhe. Ich verteilte meine Pakete. Mein Freund Meidele tat daselbe. Dann packten wir aus (wir hatten uns nämlich gemeinsam in einem Unterstand eingerichtet). Da ereilte uns mitten in unserer Freude ein neues Mißgeschick. Von der Decke löste sich ein ordentlicher Batzen Lehmbrei. Immer mehr folgten ihm. Auf einmal neigte sich auch die Stütze. Wir hatten Mühe, sie zu halten. Dann holten wir ein paar Prügel und versteiften. In der Decke hatte sich aber inzwischen ein Loch gebildet, durch das es reinregnete. Wir deckten es mit Zweigen zu und strichen dann nassen Lehm darüber. Der war eisig kalt, dass uns die Finger beinahe erfroren. Es war aber zu dunkel, sodaß unsere Arbeit keinen vollen Erfolg hatte. Da reinigten wir uns so gut es ging an einer Grabenpfütze und gingen dann in den Unterstand zu den Gefechtsordonnanzen. Hier war es wenigstens warm. Eine Stechpalme diente als Weihnachtsbaum. 2 Kerzen brannten und Silberfäden hingen drann. Einer spielte auf der Mundharmonika Volks-und Weihnachtslieder und wir anderen sangen sie mit. Der Franzose mußte es hören; bei ihm war es ganz still im Graben. Brötchen gab es und Schnaps und Zuckerwasser und Zigarren. Um Mitternacht blies ein Trompeter:"Stille Nacht, heilige Nacht" über die Stellungen hin. Kein Schuß fiel mehr.[...]

Karte zur Champagne-Offensive: zum Vergößern anklicken
Karte zur Champagne-Offensive

Am 29.Januar unternahm die 27.I.D. einen Generalangriff, um über die Dieusson-Mulde wegzukommen. Alle 4 Regimenter hatten 7.30 vormittags anzugreifen ohne jegliche Artillerievorbereitung. In unserem Regimentsabschnitt war die feindliche Stellung an 4 Stellen unterminiert. Kaum ging die Sprengung los, da stürzten die Sturmtruppen vor. Unsere 4.Kompagnie war zunächst Reserve, wurde aber bald in der Kampflinie benötigt. Der Sturm gelang glänzend. In einer Tiefe von 1000 m wurden dem Gegner sämtliche Gräben entrissen und dabei etwa 250 Gefangene gemacht. Die Mulde wurde überschritten und am jenseitigen Hang eine neue Stellung ausgehoben. Trotz verzweifelter Gegenangriffe konnte der Feind uns keinen Meter wieder entreißen. Aus Wut trommelte er mit seiner Artillerie ganz rasend auf uns los, sodaß wir an diesem Tage 40 Tote und 120 Verwundete im Regiment hatten. Meine Gruppe hatte einen Schwerverwundeten. Bei diesem Gefecht sah ich einen Franzosen, dem die Bauchwand aufgerissen war. Seine völlig unversehrten Gedärme trug er in beiden Händen vor sich her. Er kam ins Lazarett nach Senuc (und soll geheilt worden sein!!!).[...]

Ich wurde der 7.Kompagnie zugeteilt. Zu derselben war auch Lt.d.Res. Bühler (Lehrer, früher 4. Kompagnie) versetzt worden. Das war ein freudiges Wiedersehen. Mein Freund Meidele kam zur 5.Kompagnie. Unser Kompagnieführer war Oberleutnant Heimerdinger. Tags darauf gingen wir auf den Bummel. Das Lager ist nach Straßen und Hausnummern geordnet. Die Leute halten ihre Behausungen sehr reinlich. Nirgends fehlt neben der Zweckmäßigkeit der Schmuck, die Verzierung. Wir staunen oft geradezu über die Kunstfertigkeit, die uns hier entgegen tritt. Frommen Sinn und guten Humor verraten die angebrachten Tafeln: "Gott mit uns", "Eine feste Burg ist unser Gott", "Furchtlos und Treu" - "Eintritt für Granaten verboten", "Läuse sind an der Leine zu führen", "Urlaubsvermittlung", "Armenhaus", "Ordenshandlung" usw. Eine Pfütze war mit einem Zaun umgeben. Eine Tafel besagte:"Baden verboten". In einer anderen Pfütze war eine Insel eingebaut. Auf der Tafel stand: "Kein Ankerplatz für engliche U-Boote". Ein Sportplatz mit Reck und Barren war geschaffen. Daneben war eine Anlage errichtet, der Bismarkplatz. An Einer Eiche hing auch ein großes Bild von Bismark. Wir fühlten uns wohl in einer solchen Umgebung, zumal wir läusefrei waren. [...]

So kommt der 20.6.1915 heran. Wir Offiziere hatten unsere Geheimbefehle in der Tasche, nach der jeder sich über die Lage und sein Handeln unterrichten konnte. 3.30 in der Frühe erschien der erste Artilleriebeobachter im Graben. Er wählte seinen Stand an der Doppelbuche bei meinem Unterstand. Offiziersstellvertr. Mauser leerte geschwind noch eine Flasche Sekt. Es war seine letzte, denn er fiel nachher als einer der ersten. Punkt 4 Uhr (die Uhren wurden vorher verglichen) gurgelte eine 21 cm Granate durch die Luft. Sofort setzt dann die Feld-Artillerie ein mit langsamem, wohlgezieltem und anhaltendem Feuer. Das Hintergelände des Gegners erhält Gasbeschuß. 4.30 gesellen sich schwere Artillerie und Minenwerfer dazu. 4 Stunden lang dauert die Beschießung. Da tritt eine Feuerpause ein. Sofort treten feindliche Infanterie- und Maschinengewehre in lebhafte Tätigkeit. Wie war das möglich? 153 Geschütze beschossen nun schon 4 Std.die 2 km feindl. Stellung und doch soll noch so viel Leben darin sein! Das konnte ja recht werden. Der Feuertanz begann von neuem. Die Geschütze rasten. Die Artilleristen erzählten nachher sie hätten mit nassen Säcken die glühenden Geschützrohre kühlen müssen. Von 8.30 ab stellte ich meinen Zug zum Angriff bereit. 8.50 erfolgte neben andern auch die Sprengung an meiner Sappe 7. Im nächsten Augenblick war der Sprengtrichter von uns besetzt.

Deutsches Maschinengewehr im Schützengraben in Erwartung eines Angriffs
Maschinengewehr

Zum Feindgraben waren es noch etwa 15 m. Eine Salve Handgranaten wurde hineingeschickt. Nach der Detanation sprangen wir auf dem Erdaufwurf der feindlichen Stellung, von Infanterie und MGs beschossen. Eine 2. Salve Handgranaten folgte. Dann sprang Unteroff. Knab als erster in den feinndl. Graben. Als zweiter folgte Offz.Stellvertr. Mauser, der sofort durch Kopfschuß fiel. Nach der 3.Handgranatensalve springe ich mit mehreren Leuten nach. Der Gegner wehrte sich, doch fiel zunächst kein Mann. 2 Blockhütten werden durch Handgranaten genommen. Dann gings weiter vor. Der Zug Gairing (Ltn.d.Res.) zögerte zu lange, sodaß ich auf der rechten Flanke bedroht war. Ich zog meine Leute nach rechts, dort hatte der Gegner ein starkes Blockhaus. Wir liefen in MG-Feuer hinein und mußten uns in freiem Gelände hinlegen. Bald hatte ich eine Gruppe verloren. Gleichwohl glaubte ich, den Zug Gairing stützen zu müssen. Da setzte der Gegner einen Flammenwerfer ein. Ein Mann meines Zuges verbrannte bei lebendigen Leibe. Gleichzeitig wurde ich vom Gegner frontal angegriffen. Dadurch war es unmöglich, den Zug Gairing weiter zu unterstützen, ich gab meinen Leuten Befehl, sich einzugraben. Ein Bambusrohr, das ich einem gefangenen Offizier abgenommen hatte im Unterstand, war mein Befehlsstab. 120 m vor uns hatte der Gegner ein ungemein starkes Werk. Von dort aus richtete er auf uns rasendes Infanterie-und Mg-Feuer. Liegend und kniend mußten wir unsere neue Stellung graben. Ganz toll schoß die feindl.Artillerie hinter uns. Unsere Reserven hatten dadurch erhebliche Verluste. Endlich war unser Graben für stehende Schützen tief genug. Aber unsere Reihen lichteten sich bedenklich. Die Munition wurde knapp.

Um unsere Gewehrläufe etwas abkühlen zu lassen, wurden die letzten Handgranaten geworfen. Dann schwärmte über das freie Gelände weg ein Unterstützungszug mit Schanzzeug ein. Er mußte sofort einen Laufgraben nach rückwärts anlegen. Erstaunt schnell war er geschaufelt. Wir atmeten auf, denn nun konnte Munition beigeschafft werden. Endlich ratterte im Kompagnieabschnitt ein Maschinengewehr (MG). Wir hielten uns gerettet. Tatsächlich trat auch bald darauf eine Kampfpause ein. Unsäglicher Durst quälte uns. An Verpflegung war aber nicht zu denken..Der Abend dämmerte schon. Da kam erst die Hauptlast des Tages. Der Gegner schoß Gasgranaten und Gasminen.Wir mußten uns Wattebäuschchen (mit einer Flüssigkeit getränkt) unter die Nase binden. Dann machte der Franzmann einen Gegenangriff. Die Hölle tobte zeitweilig. Der Graben füllte sich mit Verwundeten und Toten. Rote Leuchtkugeln von uns abgeschossen stiegen hoch. Da setzte unsere gesamte Artillerie mit höchster Feuersteigerung ein. Wir führten Abwehrkampf -mehr im Wahnsinn als mit Mut. Nahe vor unserem Graben brach der feindliche Angriff zusammen. Berge von Toten und Verwundeten lagen vor uns. Dann wurde es für Augenblicke still. Die Verwundeten wurden weggeschafft. Schon setzte ein neuer Gegenangriff ein. Die Franzosen, die ich erstmals in feldgrauer Uniform sah, fochten mit grossem Schneid. Unserer Abwehr waren sie nicht gewachsen. In der folgenden Nacht tat keiner von uns ein Auge zu. Wurde das Feuer einmal mäßiger, so hörte man die Aufschreie der Verwundeten. Man hätte können verrückt werden, denn wir standen andauernd in Pulver- und Gasdampf. Endlich sah der Gegner ein, dass wir das eroberte Gelände nicht mehr preisgaben. Damit war der Sturm beendet. Unsere Gesamtverluste in 2 Regimentern betrugen an diesem Tage 900 Mann. Der Gegner ließ 634 Gefangene in unserer Hand. Seine Verluste an Toten und Verwundeten waren beträchtlich höher als bei uns. Als unser Angriff einsetzte, wollte er gerade seine 40.I.D. von der 126.I.D. ablösenlassen. Seine Gräben waren daher zunächst überfüllt, anderseits aber erklärte sich daraus, warum seine Gegenangriffe so furchtbar waren. Seine Artillerie war deshalb so stark, weil er am 23.6.15 selbst angreifen wollte. 

Kriegerdenkmal im Argonnnwald: Dank und Anerkennung den gefallenen Helden
Denkmal

In der Champagne

Unwillkürlich denken wir bei diesem Wort an Champagner. In Friedenszeiten löste dieses Wort ein prickelndes Gefühl aus. Als wir am 13.10.1915 unseren Marsch in die Champagne antraten, beherrschten uns andere Gefühle. Stumm zog die Kompagnie durch die Nacht. Bei Condé feuerte eine schwere Batterie. Kurz vor Cernay machten wir Halt in einem Obstgarten. Dort erwarteten wir Führer. In kleinen Abteilungen ging es im Laufschritt durch das beschossene Cernay. Wieder ging es an einer feuernden Batterie vorbei. Sie lag unter schwerem feindl. Beschuß. Ein Munitionsdepot war in Brand geraten. Alle Augenblicke konnte es in die Luft fliegen. Wir rasten vorbei. Um 4 Uhr hatten wir das III./ 124 auf Höhe 199 nordwestlich Massiges abgelöst. Sofort kam ich mit der halben Kompagnie in die Kampflinie vor. Die andere Hälfte der Komp. verbleibt am Nordhang des Kanonenberges. Die feindl. Infanterie war von uns 800 - 1000 m entfernt. Die feindl. Artl. aber hämmerte schrecklich auf unsere Stellung los. Nicht einzelne Schüsse waren es. Ganze Batteriesalven schlugen auf einmal ein. Es war fast unmöglich, die Posten aufzustellen und den Grabendienst zu regeln. Am linken Flügel war nur ein Kriechen auf dem Bauche möglich. Stück um Stück des Grabens wurde vom Gegner mit Artl. eingeebnet. Um größere Verluste zu vermeiden, stellte ich im ganzen Abschnitt bei Tage nur 4 Posten auf. Fähnrich Christmann mußte den rechten Flügel übernehmen, ich blieb am linken Flügel. Am Mittag schlief ich vor Erschöpfung ein.

Beim Aufwachen fehlte meine Pistole. Sie wurde mir vom Leib weg gestohlen. Vor der Nacht war mir bange. Ich legte eine große Zahl von Leuten etwa 50 m vor die Stellung in Granattrichter. Dies hielt ich für erforderlich, weil vor der Stellung noch kein Drahthindernis war. Dabei entdeckte ich, daß man dort sicherer war, da uns dort die feindl. Artl. überschoß. Als diese Horchposten abgelöst wurden, blieben sie aus diesem Grunde von selbst vorn. Um Mitternacht schickte ich vom Bothe-Wäldchen aus eine Patrouille gegen die Teller-Stellung und die Pferdeschlucht vor. Gegen 2 Uhr vorm. (14.10.1915) stieß sie mit einer feindl. Patrouille zusammen. Sofort gab es eine entsetzliche Knallerei. Von Granattrichter zu Granattrichter kroch ich zurück in den Graben. Dort befahl ich den Uoffz. vom Grabendienst er soll dauernd weiße Leuchtkugeln abschießen. Daraus sollte der Gegner den Eindruck gewinnen, dass wir keinen Angriff planten. So oft aber eine Leuchtkugel hochging, setzten seine MGs ein. Er war hochgradig nervös. Da kam Vizefeldwebel Klotz mit der anderen Hälfte im Laufgraben vor. Ich schickte ihn wieder zurück. Wer hatte ihn gerufen? Auf die Schiesserei hin schickte Obltn. Heimerdinger eine Ordonanz vor und lies erkunden was los sei. Die Ordonanz fand im Graben nur einen toten Posten (alles andere war ja auf Horchposten). Er meldete das. Da entstand die Meinung beim Komp.-Führer wir seien geschnappt worden. Deshalb schickte er die andere Häölfte der Komp. unter Ltn. Zimmer (der am 12. 10.1915 zu uns kam) und Vizefeldwebel Klotz vor. - Gegen 3/4 4 Uhr beruhigte sich der Gegner. Ich ließ nur ein paar Posten vorn, den übrigen befahl ich in den Graben zurückzugehen. Um 5 Uhr löste uns die andere Hälfte der Kompagnie ab. 1 Toter und 5 Verwundete war unser Verlust. Bei Obltn. Heimerdinger trank ich Kaffee. Dabei erstattete ich Bericht über den Verlauf der Nacht. Wir mußten herzlich lachen über die "kopflose" Ordonanz. 

Das Lager am Kanonenberg vor der Beschießung (zum Vergößern anklicken)
Kanonenberg

Das Mittagessen nehme ich bei Obltn. H. ein. Wir betrachten die Lage nach den letzten Kreistelegrammen. Wie die Oberste Heeresleitung jeden Tag für die Tageszeitungen einen kurzen Bericht herausgab, so erhielten auch die Truppen täglich einen solchen Bericht. Demnach setzten die Franzosen im Artois (Gegend von Arras) und in der Champagne gleichzeitig eine Offensive an mit dem Ziel, die deutsche Front zu durchbrechen und von Verdun bis zum Meer aufzurollen. Gefangene machten folgende Aussagen: "Jeder Mann erhielt zu seinem Gewehr 1 Revolver und 1 Messer. Große Kavalleriemassen standen bereit, um nach dem Durchbruch den Gegner zu verfolgen. Uns wurde gesagt: die Artl. wird so lange auf die deutschen Stellung trommeln, bis kein Leben mehr darin ist. Ihr werdet also nur einen Spaziergang machen. Zu dieser Ansicht war der Leiter der Offensive, General de Castelnau, schließlich berechtigt. Er lies 19 Divisionen auf 4 deutsche los. Jede unsere Divisionen stellte 30 -35 feuernde Batterien fest. Diese schickten täglich 200 000 Granaten in den Abschnitt einer Division. Und so ging es 3 Tage ununterbrochen fort. Das bedeutet: In diesen 3 Tagen kamen auf 1 m Graben etwa 60 Granaten, auf 1 Mann 40 Granaten. Wenn also nur jede 40. Granate 1 Mann getroffen hätte, so wäre die Ansicht vom "Spaziergang" Wahrheit geworden. Aber das Schicksal war uns gütiger gesinnt als dem "Poilu" (eine Bezeichnung für den franz.Soldaten). Die deutsche Mauer war wohl durchlöchert; aber sie war nicht geborsten. 

Mit gemischten Gefühlen verließen wir die Argonnen. Es gab dort für uns manches liebe, vertraute Plätzchen. Der Sommer war ja mitunter sehr blutig gewesen. Es war aber auch eine Stellung erkämpft worden, die als Dauerstellung gelten kann. Solange sich die Gesamtlage nicht änderte, konnte auch hier keine größeren Kampfhandlungen mehr vorgenommen werden. Damit wäre für uns seine ruhigere Zeit gekommen. Die OHL (Oberste Heeresleitung) konnte jedoch einer aktiven Division keine Untätigkeit zubilligen. Für die nächste Zukunft wurden die Argonnen ein Platz für abgekämpfte Divisionen. Im Heeresbericht wurden sie deshalb in Zukunft eher selten erwähnt.